Gaffen tötet!


QR-Code auf Johanniter-Rettungswagen

Ein Rettungswagen (RTW) der Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH) fuhr beim Wochenend-Footballspiel der Rostock Griffins gegen die Essener Assindia Cardinals direkt ins gut gefüllte Rostocker Leichtathletikstadion. Obwohl etliche Kameras klickten, finden sich so gut wie keine Bilder der verunfallten Spieler in öffentlichen Portalen. Wie das sein kann?

Während der Betreuung durch die Mannschaftsärzte schützte zunächst ein Spalier der Teammitglieder die beiden verletzten Footballer vor neugierigen Blicken. Der einfahrende Rettungswagen von der Johanniter-Rettungswache in Reutershagen nutzt als erster RTW der Stadt einen auffälligen QR-Code im neuen „Gaffen-tötet“-Design. Der Code löst auf dem Handy der Filmenden und Fotografierenden automatischen den Warnhinweis „Gaffen tötet!“ aus und schlägt eine Weiterleitung zur Seite www.gaffen-toetet.de vor. Dort erscheint die Warnung: „Achtung! Gaffen tötet! Es kann Rettungskräfte behindern und zur Straftat werden.“

„Ab sofort wollen wir gemeinsam mit den Johannitern so den täglichen Voyeurismus in Rostock stoppen, damit unsere Einsatzkräfte wieder ungehindert Leben retten können“, sagt Senator Dr. Chris von Wrycz Rekowski.

„Gaffen tötet“

Was dahinter steht? Täglich erleben Rettungskräfte der Johanniter, dass ihre Arbeit von Schaulustigen beobachtet und sogar behindert wird. Neugier ist nun einmal menschlich. Problematisch wird dies, wenn nicht nur beobachtet wird, sondern Rettungskräfte durch Blockieren von Rettungswegen, durch Fotografieren oder Filmen gestört und behindert werden. Sogenannte Gaffer gefährden das Leben der Unfallopfer, manchmal sogar ihr eigenes und verhalten sich zudem rechtswidrig. Das Projekt „Gaffen tötet!“ nutzt ein innovatives Design, auf Basis der QR-Code-Technologie, das auf Johanniter-Ausrüstung und Rettungsfahrzeugen angebracht ist.

Der Code löst auf dem Handy der Filmenden und Fotografierenden automatischen den Warnhinweis „Gaffen tötet!“ aus und schlägt eine Weiterleitung auf die Seite www.gaffen-toetet.de vor. Dort erscheint die Warnung: „Achtung! Gaffen tötet! Es kann Rettungskräfte behindern und zur Straftat werden.“ Außerdem finden sich dort Verhaltenshinweise. So soll Gaffern ihre Tat unmittelbar bewusstgemacht werden.

Die Johanniter verfolgen damit keine kurzfristige Effekthascherei. Vielmehr will die Hilfsorganisation aufklären und gemeinsam mit der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften das Verhalten am Unfallort wissenschaftlich untersuchen. Eine begleitende Studie liefert die entsprechende Zahlenbasis: Unter die Lupe nimmt das fünfköpfige Team um Prof. Marisa Przyrembel von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften diverse Hypothesen aus der Notfall-, Sozial- und Motivationspsychologie.

Die begleitende Studie soll nun die lange überfällige Zahlenbasis liefern. Ausgewertet werden die Klicks auf den QR-Code, Informationen der Einsatzkräfte vor Ort sowie die Umgebungsbedingungen. „Das Projekt hat das Potential, eine sehr breite Öffentlichkeit zu erreichen und viele Menschen zum Umdenken zu bewegen. Denn: Gaffen ist kein Kavaliersdelikt, auch wenn offenbar viele das denken – seit dem 1.1.2021 gilt laut Paragraf 201a des Strafgesetzbuches, dass das Fotografieren oder Filmen eines Unfalls mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren belangt werden kann“, sagt Sirko Jastrow, der gemeinsam mit seinem Rettungsteam aktiv an der Studie beteiligt sein wird. Er und seine Einsatzkräfte werden der Hochschule in Interviews Hintergrundinfos zu den Einsätzen im QR-Code liefern. Individuelle Begleitung der Wachen in sogenannten „Spotlight- Wochen“ zur Validierung der systematischen Felderhebung von Häufigkeiten des „Gaffens“ komplettieren die Datenerhebung. Ende August sollen so bereits erste Daten aus Rostock die repräsentative Gesamterhebung unterstützen. Analog wird die Erfassung genutzt, um potentielle Veränderungen innerhalb der Bevölkerung zu zeigen. Eine Ausweitung auf andere Rettungswachen in Rostock könnte möglich werden.

Rechtliche Konsequenzen des Gaffens

Laut Paragraf 113 des Gesetz über Ordnungswidrigkeiten ist Gaffen eine Ordnungswidrigkeit, wenn sich jemand einer öffentlichen Ansammlung anschließt oder sich nicht aus ihr entfernt, obwohl ein Träger von Hoheitsbefugnissen die Menge dreimal rechtmäßig aufgefordert hat, auseinanderzugehen. Diese Ordnungswidrigkeit wird in Mecklenburg-Vorpommern mit einer Geldstrafe von bis zu 1.000 Euro bestraft.

Gaffen wird nach Paragraf 323c des Strafgesetzbuches dann zur Straftat, wenn man es unterlässt zu helfen. Zum Beispiel, wenn die Rettungskräfte noch nicht am Unfallort sind und eine Hilfeleistung unterlassen wird. Dies sieht eine Haftstrafe bis zu einem Jahr vor. Auch die Behinderung von Rettungskräften kann eine unterlassene Hilfeleistung sein, die bestraft wird - mit einer Geldstrafe oder mit bis zu einem Jahr Gefängnis. Wenn ein Schaulustiger nicht nur gafft, sondern auch Videos oder Fotos von hilflosen Unfallverletzten herstellt, macht er sich strafbar. In Paragraf 201a des Strafgesetzbuches wird auch das Strafmaß genannt: Es drohen bis zu zwei Jahre Haft.

Linktipps:

Informationen zum Projekt der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften Berlin
https://www.akkon-hochschule.de/projekt-gaffen-toetet

Video zum Projekt
https://www.youtube.com/watch?v=rBCupH0L7t4

Rostock - 27.07.2022
Quelle: Pressestelle Hanse- und Universitätsstadt Rostock