Gedenkstunde zum Volkstrauertag


An der Mahn- und Gedenkstätte Fünfeichen wird am Sonntag, anlässlich des Volkstrauertages, zur traditionellen Gedenkstunde eingeladen. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wird um 14 Uhr gemeinsam mit dem Heeresmusikkorps in einem feierlichen Rahmen der Kriegstoten und der Opfer durch Gewaltherrschaft gedenken.

Neubrandenburg - Volkstrauertag

(Foto: Pressestelle Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg am Tollensesee)


Rede des Oberbürgermeisters Silvio Witt anlässlich des Volkstrauertages am 14. November 2021

Sehr geehrter Herr Stadtpräsident, sehr geehrter Herr Oberst Nawrat, sehr geehrter Herr Modemann, sehr geehrte Soldatinnen und Soldaten, liebe Neubrandenburgerinnen und Neubrandenburger, der Volkstrauertag hat eine tief verankerte Tradition. Er wurde 1919 durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge initiiert, um den gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges zu gedenken. 1922 gab es die erste Gedenkstunde im Reichstag. Wir begehen diesen Tag seit vielen Jahren, zur Einkehr; um uns zu erinnern. Unser Ziel ist es aber auch, das Geschehene, das Unfassbare, in Worte zu fassen und Lehren für die Zukunft zu ziehen.

Wir sind eine Generation, deren Großeltern oder Eltern den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt haben. Die Gespräche mit diesen Generationen haben uns geprägt. Man darf also festhalten, dass unsere Familien noch heute direkt von den Schrecken des Zweiten Weltkrieges betroffen sind. Unsere Großeltern und Eltern haben zudem die Nachkriegszeit und die damit einhergehenden Schwierigkeiten bewältigt. Entbehrung und Hoffnungsglaube zählen zu deren DNA.

Ich kann mir kaum vorstellen wie es ist, wenn man nicht mehr diese Erlebnisse direkt in der Familie verarbeiten und besprechen kann. Doch diese Zeit wird kommen und dies unterstreicht die Bedeutung des Volkstrauertages.

Vielleicht darf ich an dieser Stelle einen kleinen Einblick in meine persönliche Familiengeschichte geben. Meine Großeltern mütterlicherseits stammen aus Berlin und Gebieten im heutigen Polen. Mein Großvater war Jahrgang 1914. Er hat also in seiner Kindheit die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges miterlebt. Als 1933 die Nazis die Macht übernahmen, war er ein junger Mann mit vielen Träumen. Der Ausbruch des Krieges kam in der Blüte seines Lebens. Es ist für mich schwer, im Grunde gar nicht fassbar, wie es gewesen sein muss, genau in diesem Alter in den Krieg zu ziehen. Mein Großvater musste es. Er geriet in französische Kriegsgefangenschaft und war bis 1947 auf einem französischen Gut Zwangsarbeiter. Das ist schon als Glück zu bezeichnen, denn er hat den Krieg überlebt und erlebte in der Gefangenschaft eher humane Bedingungen. Freiwillig blieb er bis 1956 in Frankreich. Inzwischen war meine Großmutter ihm gefolgt. Was sich nun wie das Ende einer gutgegangenen Geschichte anhört, endet dennoch anders. Über Westberlin führte die Sehnsucht nach der alten Heimat zurück nach Vorpommern. Die wirkliche Heimat sah meine Großmutter nie wieder.

Neubrandenburg - Volkstrauertag

(Foto: Pressestelle der Stadtverwaltung Neubrandenburg)


Für mich war es immer im wahrsten Sinne des Wortes aufregend, mich mit meiner Großmutter über diese Zeit zu unterhalten. Über die Orientierungslosigkeit nach dem Krieg und die viele Arbeit, um über die Woche zu kommen. Dass mein Onkel in Bordeaux und meine Mutter in Westberlin geboren wurden, war für mich immer Teil einer schwer zu verstehenden Familiengeschichte. Ich denke, es gibt einige Familienbiografien, die so verlaufen sind und bei denen es so wichtig ist, sie zu erzählen. Denn Krieg und Vertreibung haben zu diesen Familiengeschichten an vollkommen unbekannten Orten geführt. Anders als in Friedenszeiten sind nicht berufliche Entscheidung oder attraktive Gegenden ausschlaggebend für die Ansiedlung gewesen. Nicht ein Wunsch oder gar eine konkrete Absicht. Krieg, Flucht und Vertreibung schrieben diese Geschichten.

Wer diese Erfahrung in der eigenen Familie erlebt und später weitergegeben hat, für denjenigen hat der Volkstrauertag eine besondere Bedeutung. Denn man weiß was es heißt, dass es derzeit auf der Welt viele Konflikte gibt, die zu Toten und Verletzten, zu Traumata und tiefliegenden seelischen Wunden führen. Und nicht zuletzt führen diese Konflikte auch zu Flucht und Vertreibung, die wir in den letzten Jahren immer stärker auch hier in Europa spüren. Gerade derzeit erleben wir menschliches Leid, das durch diktatorische Machthaber befeuert und auf zynische Art und Weise für eigene machtpolitische Interessen ausgenutzt wird. Es ist daher unsere Pflicht uns weiterhin, fortwährend und intensiv mit der Geschichte und der Gegenwart zu beschäftigen, um das Unsere dafür zu tun, Konflikte zu verhindern oder zu besänftigen.

Vor diesem Hintergrund sollte man auch den Einsatz in Afghanistan beleuchten. Ein Land wie Deutschland, ein Staatenbund wie die Europäische Union, ein Verteidigungsbündnis wie die NATO haben gemeinsam versucht, eine Mission zu erfüllen. Was dabei gelungen ist und wo wir gescheitert sind, gilt es in den nächsten Monaten und Jahren aufzuarbeiten. Sich mit Unterdrückung und dem Fehlen von Freiheit zufrieden zu geben, kann nicht die Antwort sein. Zu akzeptieren, dass Menschen sich nicht frei entfalten können, darf nicht der Weg sein. Wir, die Freiheit genießen und uns in der ganzen Welt bewegen und, die wir auch die ganze Welt nutzen, müssen geradezu Vorbild beim Erlangen und Schutz von demokratischen Strukturen sein.

Daher ist es nicht akzeptabel, wenn wir diejenigen, die sich für die Ziele unseres Landes eingesetzt haben, nach einem Auslandseinsatz kritisch hinterfragen. Die Lesung der Geschichte und unser eigenen Biografien sollten dazu führen, dass wir den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr nicht nur unseren Respekt zollen, sondern uns im wahrsten Sinn des Wortes um sie kümmern. Wir sollten gerade heute den Toten des Afghanistaneinsatzes gedenken und den Verwundeten, ob an Leib oder Seele, unsere Aufmerksamkeit schenken. Denn gerade sie werden ihren Familienmitgliedern und Kindern von ihren Erfahrungen berichten wollen, auch wenn sie es vielleicht noch nicht können. Auch dieser Einsatz hat Familienbiografien verändert. Es ist unsere Verantwortung, sie dabei zu begleiten.

Es scheint so, als ob der Alltag uns manchmal zu fest im Griff hat und wir diese großen Aufgaben dabei vergessen. In den letzten Monaten hat uns eine Pandemie viel abverlangt. Doch haben die Einschränkungen längst nicht zu Entbehrungen geführt, wie sie Generationen vor uns erleben mussten. Leider hat man auch in der aktuellen Diskussion das Gefühl, dass individuelle Interessen weit über dem Gemeinschaftsgefühl und dem Sinn und dem Ziel einer Gesellschaft stehen. Es macht mich nachdenklich, wenn wir inzwischen immer weniger über diejenigen sprechen, die in der Pandemie schwer erkrankt sind oder über die Menschen, die einen geliebten Menschen verloren haben. All dies steht inzwischen eher weniger im Fokus. Die Berichterstattung spricht mehr davon, ob und wie schnell eine wie auch immer geartete Normalität wieder einkehrt. Vielleicht nutzen wir den heutigen Tag auch dafür, den Menschen zu gedenken, die verstorben sind und denen, die in den letzten 20 Monaten schwere Schicksalsschläge erleiden mussten.

Lassen Sie uns dennoch optimistisch in die Zukunft schauen. Ich weiß, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt, der Wunsch nach Gemeinschaft, viel stärker ist als alles was uns trennt. Wir müssen dies nur immer stärker und vielleicht auch lauter betonen. Die Errungenschaften in unserem Land und unsere Rolle in Europa und in der Welt als Nation, die um Verständigung und Diplomatie wirbt, sind kostbar. Wir sollten diese nicht aufs Spiel setzen, vor allem aber sie in entscheidenden Momenten viel selbstbewusster einsetzen. Das ist unsere wahre Stärke – dass wir das Traumata des vergangenen Jahrhunderts fortwährend verarbeiten und unsere Lehren ziehen. Lassen Sie uns daher gemeinsam wahre Friedensstifter sein. Nicht naiv, sondern als Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit. Lassen Sie uns die Lehren der Geschichte eine Verpflichtung sein.

Neubrandenburg - 12.11.2021
Quelle: Pressestelle Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg