Ein verschollenes Gemälde kehrt zurück


Ein Jahrhundert später….
Ein verschollenes Gemälde kehrt in die Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg zurück


Die Kunstsammlung der Vier-Tore-Stadt bekommt ein Gemälde aus dem 17. Jahrhundert geschenkt, das mehr als einhundert Jahre als verschollen galt. Es ist ein Glücksfall, das Recherchen ins finnische Helsinki führten, wo das Bild "Landschaft mit Hirt und Herde" wiederentdeckt wurde, das einst in den Räumen unserer historischen städtischen Kunstsammlung hing.

Das Werk gilt nach einem Einbruch im Jahr 1919 in die städtische Kunstsammlung als verschollen. Jetzt, nach mehr als 100 Jahren, hat das Gemälde dank umfangreicher Untersuchungen und der entgegenkommenden Zusammenarbeit und Großzügigkeit des Voreigentümers wieder zurück in die Vier-Tore-Stadt gefunden.

Die Verantwortlichen aus dem finnischen Kunstmuseum Amos Rex übergeben das Gemälde an Oberbürgermeister Silvio Witt. Ab dem 21. November kann das Gemälde zu den Öffnungszeiten in der Kunstsammlung (Große Wollweberstraße 24) von allen Interessenten bestaunt werden.

Neubrandenburg - Gemäldesammlung

Das Gemälde ist von einem finnischen Transportunternehmen in die Vier-Tore-Stadt gebracht worden. (Foto: Pressestelle Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg)


Neubrandenburg - 16.11.2021
Quelle: Pressestelle Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg


Rede des Oberbürgermeisters Silvio Witt zur feierlichen Übergabe des Bildes „Landschaft mit Hirt und Herde“ in der Kunstsammlung Neubrandenburg

20. November 2021

Sehr geehrter Herr Stadtpräsident, sehr geehrter Herr Kartio, sehr geehrter Herr Björkman, meine sehr verehrten Damen und Herren, das Leben besteht aus dem ständigen Wandel; aus einem ständigen Auf und Ab. Auch die Geschichte unserer Stadt ist von Tragödien und Triumphen gekennzeichnet. Zweifelsohne ist die Entwicklung unserer Vier-Tore-Stadt als beeindruckend zu bezeichnen. Aus der kleinen slawischen Siedlung von einst ist eine große Stadt geworden. Reich an Kultur, Wirtschaft, Sport und vor allem, an kreativen und herzlichen Menschen.

Doch viele Tiefschläge gehören ebenfalls zur Geschichte unserer Stadt. Die vier großen Stadtbrände haben Neubrandenburg nachhaltig verändert. Sie brachten menschliches Leid, Todesopfer und Zerstörung. Diese wechselvolle Geschichte ist im Stadtbild noch heute ablesbar. In der Innenstadt können wir beispielsweise die mittelalterliche Wehranlage mit unseren berühmten Toren erleben und nur wenige Meter entfernt stehen Häuser aus dem DDR-Wohnungsbauprogramm. Dazwischen können wir Häuser sehen, in denen unser Heimatdichter Fritz Reuter wohnte und natürlich - nicht zu vergessen - thront über all dem unsere Konzertkirche. In den letzten Jahren haben wir verstärkt und ganz unterschiedlich unsere Geschichte im Stadtbild deutlich gemacht. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an das Bahnhofstor, das die historische Stadtmauer aufnimmt und modern interpretiert.

Oder aber an die Wiederherstellung der Kleinen Fischerstraße und der Gestaltung des Platzes am Treptower Tor. Natürlich gehören auch Zeugnisse aus 40 Jahren DDR dazu. Und so haben wir beispielsweise die Kunst im öffentlichen Raum der letzten 50 Jahre auch bei der Neugestaltung des Kulturparkeingangs berücksichtigt und integriert.

Doch eine Wunde klafft seit vielen Jahren in den Herzen vieler Kunstfreundinnen und Kunstfreunde. Nachdem auf wunderbare Art und Weise ein Teil der versunkenen Porzellansammlung unserer alten Kunstsammlung unter dem Marktplatz wiederentdeckt wurde, fehlen noch immer die Gemälde des einstigen Kunstmuseums unserer Stadt. Zeichen deuten darauf hin, dass die Gemälde kurz vor Kriegsende gen Westen abtransportiert worden. Ein Kunstraub von 1919 entpuppt sich nun als Glücksfall für unsere Stadt. Denn wären nicht vor 102 Jahren 17 Kunstwerke aus der Städtischen Kunstsammlung gestohlen worden, gäbe es für die heutige Veranstaltung keinen Anlass.

Dr. Elke Pretzel hat einen Großteil ihres beruflichen Lebens der Erforschung unserer alten Kunstsammlung gewidmet. Natürlich ist sie auch maßgeblich dafür verantwortlich, wie sich die heutige Kunstsammlung präsentiert. Doch es gibt kein Morgen ohne das Gestern. Und daher hat sie unermüdlich geforscht, was zum einen mit den Gemälden in den letzten Apriltagen 1945 passiert ist und zum anderen, was aus den 17 gestohlenen Gemälden von 1919 geworden ist.

Vor 15 Jahren deutete sich an, dass sich ein Gemälde von 1919 in Helsinki befindet. Es vergingen einige Jahre, bis wir uns sicher sein konnten. Der Kontakt zum finnischen Kunstmuseum Amos Rex besteht nun seit knapp drei Jahren. Wäre dieser Kontakt nicht so konstruktiv und zugewandt gewesen, gäbe es für die heutige Veranstaltung keinen Anlass. Denn nach einem schriftlichen Austausch, erhielten wir die Nachricht, dass die Stiftung von Amos Andersen uns das Gemälde „Landschaft mit Hirt und Herde“ schenken wird. Ich danke Ihnen dafür herzlich.

Ich danke Ihnen, ich danke Euch, für diesen unkomplizierten Prozess, der den Glücksfall für Neubrandenburg erst möglich gemacht hat. Es ist euch zu verdanken, der Stiftung und dem Museum, dass wir dieses großartige Geschenk heute erhalten können. Das Gemälde „Landschaft mit Hirt und Herde“ wird dank der großzügigen Spende nun dauerhaft nach Neubrandenburg zurückkehren. Und obwohl es zum zeitgenössischen Charakter der heutigen Kunstsammlung nicht passt, wird es dennoch ein dauerhafter und beliebter Kunstgenuss für die Menschen unserer Stadt sein.

Gemeinsam mit dem „Brandzimmer“ und dem in der kommenden Woche neueröffneten, ebenfalls von Simon Schubert gestalteten, Porzellankabinett wird das Gemälde „Landschaft mit Hirt und Herde“ unser Fenster in die Vergangenheit sein.

Möge dieses Fenster uns gleichzeitig nachdenklich machen und Freude schenken.

Neubrandenburg - 19.11.2021
Quelle: Pressestelle Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg

Neubrandenburg - Gemäldesammlung

Philipp Peter Roos (gen. Rosa da Tivoli) (1657?1706) oder Schule des Philipp Peter Roos, Schäfer mit einer Kuh, Ziegen und Schafen (Shepherd with a cow, goats and sheep), spätes 17. Jh. Öl auf Leinwand, 106,5 x 88 cm, Foto: Amos Anderson Art Museum, Stella Ojala, Aus: Synnöve Malmström, The donor's works. Old art in the collection of the Amos Anderson Art Museum, Helsinki 2015, S. 138


Ein Jahrhundert später….
Ein verschollenes Gemälde kehrt zurück

Nach mehr als 100 Jahren hat das Gemälde „Landschaft mit Hirt und Herde“ im Jahr 2021 von Helsinki (Finnland) zurück nach Neubrandenburg gefunden. Die Kunstsammlung der Vier-Tore-Stadt hat gestern (21. November 2021) das Gemälde „Landschaft mit Hirt und Herde“ aus dem 17. Jahrhundert geschenkt bekommen. Das Bild galt mehr als einhundert Jahre als verschollen. Es ist ein Glücksfall, das Recherchen ins finnische Helsinki führten, wo das Bild im Amos Anderson Art Museum (seit 2018 Amos Rex) von Provenienzforschern entdeckt wurde. Das Werk hat dank umfangreicher Untersuchungen und der entgegenkommenden Zusammenarbeit und Großzügigkeit des Voreigentümers in Finnland wieder zurück in die Vier-Tore-Stadt gefunden.

Neubrandenburg besaß von 1890 bis 1945 eine Städtische Kunstsammlung, die aus den Legaten des Malers Henry Stoll (1822-1890) und des Kunsthändlers August Schmidt (1825-1911) erwuchs. Sie verfügte über einen Bestand von 10.000 bis 15.000 Werken mit einem kunsthistorischen und materiellen Wert von mehreren Millionen Euro.

Beim Brand der Neubrandenburger Innenstadt in der Endphase des 2. Weltkrieges, in der Nacht vom 29. auf den 30. April 1945, sind das Museum und dessen historische Dokumente zerstört worden. Die Sammlung selbst soll kurz vorher Richtung Westen evakuiert worden sein. Jedoch erst Jahre nach dem Umbruch der DDR begann 1998 die Suche nach den verschollenen Werken.

Eine lange Recherche
1998 wurden im Amtsgericht Neubrandenburg Nachlass- und Magistratsakten der Stiftung Stoll aufgefunden. Durch ihre Auswertung und weiterer Recherchen konnten 1.159 Kunstwerke als Neubrandenburger Eigentum nachgewiesen werden. Diese wurden 2003 bei der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste (seit 2015 Deutsches Zentrum Kulturgutverluste) angezeigt und sind als Verlustmeldungen online (www.lostart.de) abrufbar. 2004 wurde darüber hinaus ein Verlustkatalog publiziert und an alle relevanten Stellen verschickt. Recherchen führten ins finnische Helsinki, wo sich das mehr als hundert Jahre verschollene Gemälde aus Neubrandenburg fand.

Der Glücksfall
Das Gemälde „Shepherd with a cow, goats and sheep“ mit ungeklärter Herkunft wurde in Helsinki im Amos Anderson Art Museum (Amos Rex) durch finnische Provenienzforscher im Jahr 2005 identifiziert. Dieses Werk und der Neubrandenburger Verlust des Gemäldes „Landschaft mit Hirt und Herde“ wiesen überraschende Übereinstimmungen auf. Neben dem identischen Bildinhalt besitzt das Gemälde auf der Rückseite die Nummer 648. Diese entspricht der Nummerierung des in Neubrandenburg als Verlust gemeldeten Werkes. Deshalb gab es bereits seit 2019 intensive Kontakte zum Amox Rex in Helsinki, die schließlich dazu führten, dass sich die Finnen 2021 dazu entschlossen haben, dass das Gemälde an seinen Ursprungsort zurückkommen soll. Die Beweise belegten eindeutig die Herkunft des Werkes.

2006 fanden die Provenienzforscher in der Finnischen Nationalbibliothek einen Restaurierungsbericht von 1926 über die Reinigung des Gemäldes „Shepherd and Cattle“ aus dem Besitz des Sammlers Amos Anderson (1878-1961). Diese weitere Übereinstimmung bedeutet, dass das Gemälde nicht erst seit 1945 verschollen war. Es ist bereits bei einem Einbruch 1919 in die Städtische Kunstsammlung neben 17 weiteren Gemälden gestohlen worden. Wie es nach Skandinavien gekommen ist, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Ein weiterer Beweis, dass es sich bei dem Glücksfall aus Helsinki tatsächlich um Neubrandenburger Kunst handelt, lieferte die alte Retusche, die sich bei Analysen zeigte. Schließlich ist überliefert, dass sich das Neubrandenburger Gemälde 1890 „in Restauration“ befand. 2012 wurde das Gemälde durch das Amos Anderson Art Museum umfassend restauriert.

„Landschaft mit Hirt und Herde“ ist ein Geschenk der Finnen an die Stadt. Nach mehr als 100 Jahren wurde es dank der entgegenkommenden Zusammenarbeit möglich, dass das verschollene Bild zurückkehrt.

„Neben den Scherben, die im Brandzimmer ansprechend das Schicksal der abgebrannten städtischen Kunstsammlung darstellen, gehört das Geschenk aus Finnland als einziges zu den Werken, die uns aus unserer alten Sammlung geblieben sind. Dieser Glücksfall und das Entgegenkommen der Verantwortlichen in Helsinki macht mich ausgesprochen glücklich und dankbar“, hebt Oberbürgermeister Silvio Witt hervor, der vor wenigen Wochen persönlich nach Helsinki gereist war, um die Schenkungsurkunde zu unterschreiben.

„Das Werk gilt in der Sammlung von Amos Anderson als wertvoll, hat aber in seinem historischen Kontext einen höheren Wert für die Kunstsammlung in Neubrandenburg. Deshalb haben wir uns entschieden, es der Stadt zu spenden“, sagt Stefan Björkman, CEO von Föreningen Konstsamfundet. (Die Kunstsammlung von Konstsamfundet wird von Amos Rex verwaltet.) Anderson reiste in den 1920er Jahren viel und war unter anderem auch in Deutschland. Es ist möglich, dass Amos Anderson das Gemälde in gutem Glauben von einem Deutschen Antiquitätenladen erworben hat. Einen Nachweis gibt es aber dafür nicht.

Dr. Elke Pretzel hat seit Jahren nach verschollenen Kunstwerken recherchiert. Für sie hat das Geschenk der Finnen eine ganz besondere Bedeutung: „Dass die lange Recherchereise so einen erfreulichen Ausgang gefunden hat, bewegt mich sehr und erfüllt mich mit großer Dankbarkeit gegenüber dem Vorbesitzer. Die erste Begegnung mit dem Original war für mich höchst emotional. Mit Freude werden wir dem heimgekehrten Gemälde einen gebührenden Platz in unserer Bestandsausstellung einrichten.“

Stilistische und konservatorische Untersuchungen des Vorbesitzers weisen auf die Autorenschaft des Künstlers Philipp Peter Roos oder seines Umfelds. Das Gemälde ist weder signiert noch datiert. Roos entstammt einer deutschen Malerfamilie und war, in der Tradition der Familie, Tier- und Landschaftsmaler. Ab 1677 wirkte er als angesehener Künstler in Rom und nannte sich, seit seinem Umzug nach Tivoli nahe Rom, „Rosa da Tivoli“. Für ihn typisch ist die Darstellung von Kühen, Schafen, Ziegen oder Pferden in der hügeligen römischen Campagna. Die Tiere füllen in seinen Gemälden den größten Teil der Bildfläche aus, die Landschaft tritt als Motiv zurück. Charakteristisch für Roos ist zudem ein heftiger und klarer Malduktus. Die besondere Qualität seiner Malerei liegt in der lebendigen Wiedergabe der Natur. Seine Werke sind weltweit in zahlreichen öffentlichen Sammlungen vertreten.

Neubrandenburg - 21.11.2021
Quelle: Pressestelle Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg