Rede zum Tag der Deutschen Einheit


Rede des Oberbürgermeisters Silvio Witt zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2018
(es gilt das gesprochene Wort)

Sehr geehrter Herr Bundestagsabgeordneter Amthor, sehr geehrter Herr Landtagsabgeordneter Dachner.

Ich begrüße zudem den Präsidenten des Kreistages, Thomas Diener, sowie die Stadtpräsidentin Irina Parlow und die Stadtvertreterinnen und Stadtvertreter Neubrandenburgs.
Herzlich Willkommen dem Vize-Landrat Kai Seiferth und den Bürgermeistern und Amtsvorstehern unserer Nachbargemeinden. Ich begrüße den Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 41, Oberst Andreas Durst, sowie den Polizeipräsidenten des Polizeipräsidiums Neubrandenburg, Nils Hoffmann-Ritterbusch. Unter uns sind zudem die ehemalige Stadtpräsidentin Dolores Brunzendorf und meine Vorgänger im Amt des Oberbürgermeisters Klaus-Peter Bolick und Gerd zu Jeddeloh sowie die Ehrenbürgerinnen der Stadt Neubrandenburg Carola Drechsler, Ilse Zeisler und Bärbel Maddaus.

Liebe Neubrandenburgerinnen und Neubrandenburger, liebe Gäste unserer Stadt,

ich freue mich sehr, dass wir auch in diesem Jahr Gäste aus unseren Partnerstädten begrüßen können. Herzlich willkommen Lone Yalcinkaya, Stadtvertreterin aus Gladsaxe in Dänemark und ein ebenso herzliches Willkommen dem stellvertretenden Stadtpräsidenten Wojciech Kasprzyk aus Koszalin in Polen. Es ist schön, dass wir Städte untereinander beweisen, wie sehr internationale Verständigung immer auch von guten menschlichen Beziehungen getragen wird. Kommunen sind dafür seit jeher die Keimzelle. Wir freuen uns auf die kommenden Tage des gemeinsamen Austausches hier in Neubrandenburg.

Einschub: Landessprachliche Begrüßung

Meine Damen und Herren, wer die Vorzüge und positiven Seiten der Europäischen Union genießen möchte, der sollte eine Bahnreise durch Europa unternehmen. Gefühlt war das Jahr 2018 in Bezug auf Europa bisher eher negativ geprägt. Drohende Handelskriege, Diskussionen um Immigration und der Brexit sorgten für Schlagzeilen. Dabei rückte der Kern des geeinten Europas aus dem Fokus – seit 73 Jahren herrscht auf unserem Kontinent weitestgehend Frieden. Und seit 28 Jahren können auch wir Neubrandenburgerinnen und Neubrandenburger Teil dieses gemeinsamen europäischen Gedankens sein.

Ich fuhr in diesem Jahr in meinem Urlaub mit dem Zug durch Osteuropa. Und da waren sie dann auch – die Begegnungen mit dem Europa, das wir im Alltag oftmals vergessen. Das sprichwörtlich grenzenlose Reisen, die gemeinsamen wirtschaftlichen Verflechtungen und Infrastrukturprojekte. Im Gedächtnis ist mir dabei vor allem eine Begegnung geblieben. Im Zug nach Warschau saßen in unserem Abteil zwei ältere Damen. Natürlich kommt man ins Gespräch und so konnte ich erfahren, dass sie 1968 von Polen nach Haifa in Israel emigriert sind. Ihre Heimat sei Israel, doch ihr Herz noch immer in Polen, verrieten sie. Das arabische Essen mögen sie nicht so sehr, aber das deutsche. Und das Nazareth Neubrandenburgs Partnerstadt ist, fanden sie ganz wunderbar.

Diese Begegnung hallt sehr in mir nach. Insbesondere vor dem Hintergrund, der lähmenden Diskussion, die wir in diesem Jahr um das Wort „Heimat“ erleben durften. Selten habe ich bisher so viel Unbehagen gefühlt, wenn von Heimat gesprochen wurde. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass Heimat nur noch etwas Ausschließendes sein soll. Etwas, dass Menschen in ihre Schranken und Grenzen verweist. Bisher habe ich Heimat immer als ein Wort verstanden, das den Ort der eigenen Wurzeln definiert. Wurzeln, die man jedoch auch anderswo schlagen kann. So ist selbstverständlich Neubrandenburg meine Heimat, obwohl ich in Neustrelitz geboren wurde und in Tollenseheim aufwuchs. Worms und Budapest sind auch ein kleines Stück meiner Definition von Heimat, weil ich dort die prägenden Studienjahre erlebt habe.

Die Damen im Zug hatten eine wunderbare Sicht auf das Land, was meine Heimat ist:
Die Bundesrepublik Deutschland sei ein weltweit geachteter Staat mit einer starken Demokratie. Nach den Diktaturen des letzten Jahrhunderts ist unser Ruf in der Welt nur deshalb so gut, weil wir ein verlässlicher, wirtschaftlich starker – und ich denke auch – fairer Partner sind. Seit über 73 Jahren ist die Demokratie unsere Heimat geworden und wir sollten daher fortwährend daran arbeiten, dass die Demokratie fest verwurzelt ist. Das heißt auch, dass jeder, der die demokratische Ordnung in unserem Land nicht anerkennt, hier keine Heimat findet. Egal, ob er hier geboren ist oder nicht. Aber wir dürfen an dieser Stelle nicht vergessen, dass Demokratie lernfähig und eben nicht statisch ist. Unser Rechtsstaat hat – Gott sei Dank – in den vergangenen Jahrzehnten einige, teilweise tiefgreifende Veränderungen erfahren. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in seiner diesjährigen Rede am Mahnmal der im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen eine beeindruckende Rede gehalten, in der er darauf hinwies, dass beide deutsche Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg Homosexuelle weiterhin gesetzlich verfolgten. Er sagte daher – ich zitiere: „Ihr Land hat Sie zu lange warten lassen. Wir sind spät dran.“ Ich finde dies verdeutlicht, dass es kein perfektes Land gibt. Die Stärke unseres Landes hat aber immer darin gelegen, sich im Konsens zu verändern. Wir dürfen daher Veränderungen nicht als etwas Bedrohliches sehen, sondern als das, was dieses Land zu Wohlstand, Ausgleich und gesellschaftlicher Stärke verholfen hat.

In Warschau durfte ich auf meiner Reise eine laute und lebendige Stadt erleben. Die Einwohnerinnen und Einwohner dort nennen ihre Stadt voller Stolz – „die größte Baustelle Europas“. Auch 28 Jahre nach der Wende in Polen bedeutet Bauen dort vor allem eine Investition in die Zukunft und Fortschritt. Wenn also die EU, die Bundesrepublik, das Land Mecklenburg-Vorpommern und die Stadt Neubrandenburg in diesem Jahr rund 85 Millionen Euro in unserem Stadtgebiet investieren, dann ist das Ausdruck von aktiver Gestaltung der Zukunft und einer Verbesserung des Ist-Zustandes bei uns. Zählt man jeweils noch die Investitionen der beiden großen Wohnungsunternehmen, der Industrie, der Dienstleistungsunternehmen und der privaten Haushalte dazu, ergibt dies eine gute dreistellige Millionenhöhe, die wir in die Heimat investieren. Dieser positive Ansatz geht aus meiner Sicht in unserem gut strukturierten Alltag oft verloren und Bauen wird eher als eine Einschränkung der individuellen Lebensqualität verstanden.

In Bratislava konnte ich bei einer Reise viele europäische Aspekte quasi „nebenbei“ erleben. Zum Beispiel die wechselvolle Geschichte des Landes, die sich auch sprachlich bemerkbar macht. Slowakisch, Tschechisch, Ungarisch und Deutsch finden sich im Alltag wieder. Vor allem aber kämpfen die Slowakinnen und Slowaken um politische und wirtschaftliche Stabilität. Nicht ohne Grund zeigt man voller Stolz, welche großen Unternehmen im Land produzieren.

So auch bei uns. Es gibt viele Dinge, auf die wir Neubrandenburgerinnen und Neubrandenburger stolz sein können. Mit der 20-millionsten Standheizung hat das Unternehmen Webasto in diesem Jahr ein gutes Stück Neubrandenburg in die Welt geschickt. Eine wunderbare Leistung, die beispielhaft für unsere starke einheimische Wirtschaft steht. Ich freue mich heute hier Dorothea und Lutz Rettich begrüßen zu dürfen. Lutz Rettich begann 1976 zu DDR-Zeiten seine Laufbahn im Sirokko-Werk und arbeitete als Lehrausbilder, Fertigungssteuerer, Leiter im Produktcenter PKW und ist bis heute – im vereinten Deutschland – als Leiter der Produktion im Webasto-Werk Neubrandenburg tätig. Schön, dass Sie heute unser Gast sind.

Stark gemacht hat unser Land auch die unglaubliche Fülle an Kunst und Kultur. Darauf sollten wir schauen, wenn wir von deutscher Identität reden. In unserer Stadt befindet sich das älteste Theatergebäude Norddeutschlands, die modernste Bibliothek des Landes, eine der umfangreichsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst in Mecklenburg-Vorpommern und diese wunderbare Konzertkirche. Und Sie, liebe Musikerinnen und Musiker der Neubrandenburger Philharmonie, Sie gehören selbstverständlich zum kulturellen Reichtum unserer Stadt. Dessen sollten wir uns bewusst sein und ich freue mich daher sehr, dass es uns in diesem Jahr gelungen ist, die vom Land angestrebte Fusion zu verhindern und Sie als festen Teil unserer kulturellen Heimat langfristig und fair zu verankern.

Das Einschließende, das Gemeinsame was ein Zuhause ausmacht, konnten wir auch im Februar erleben. Neubrandenburg ist zusammengerückt, um zu helfen. Unter der Überschrift „Neubrandenburg rettet Maik“ haben sich rund 1500 Menschen typisieren lassen, um einen Knochenmarkspender für Maik Ringk zu finden. Leider hat er den Kampf gegen den Krebs verloren, doch vielen anderen kann dank der Aktion geholfen werden. Wir alle haben an diesem Tag gespürt, wie wichtig gesellschaftlicher Zusammenhalt vor Ort ist. Ein besonderes Dankeschön an Isabella Wichmann, die diese Aktion gemeinsam mit vielen ehrenamtlichen Unterstützern und mit der Stadtverwaltung organisiert hat. Ihnen ein herzliches Willkommen.

Zu Beginn des Jahres durfte ich ein Ortseingangsschild an Oberst Michael Sack übergeben. Soldatinnen und Soldaten der in Neubrandenburg ansässigen Panzergrenadierbrigade 41 haben in diesem Jahr erneut den Einsatz in Afghanistan unterstützt. Das Ortseingangsschild ging mit auf die Reise und hat an die Heimat erinnert. Wir bekamen im Gegenzug die Schleife der Solidarität des Bundeswehrverbandes, die im Rathaus hängt. Immer wieder musste ich im Laufe der vergangenen Monate an die Menschen denken, die fernab der Heimat, einen Dienst für die Heimat tun. Liebe Soldatinnen und Soldaten, herzlichen Dank.

Meine Damen und Herren, begleiten Sie mich weiter auf meiner Zugreise. Sie führte mich über Wien nach Budapest. Diese Städte könnten quasi Zwillinge sein. Wunderschön und doch anders. Während Wien sich immer im Glanz zeigt, hat Budapest noch die eine oder andere Politur vor sich. Schön zu sehen war, dass die Europäische Union im Alltag Ungarns doch eine größere Rolle spielt, als man es bei uns vielleicht vermuten mag. Doch der Turbokapitalismus zeigt deutlich, welche Gefahren hierbei lauern. Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Umweltbewusstsein bleiben auf der Strecke.
Umweltbewusstsein bleiben auf der Strecke.

Ich weiß, dass hier in Neubrandenburg ebenfalls noch Probleme und Herausforderungen auf uns warten, die gelöst werden müssen. Auch wir produzieren zum Beispiel immer mehr Verpackungsmüll und gefährden damit unsere Umwelt. Lösungen gibt es. Wer beispielsweise hier vor Ort einkauft, unterstützt die einheimische Wirtschaft und spart viel Speditionsaufwand, den wir mit immer mehr Interneteinkäufen verursachen. Wer tatsächlich vor der eigenen Haustür kehrt, sorgt für eine saubere Umwelt und schätzt, was er geschaffen hat. Danke an die Aktiven, die alljährlich die Uferzone des Tollensesees oder des Reitbahnsees reinigen oder sich beim Frühjahrsputz engagieren. Ein tolles Engagement. Ein Dank ebenso an die Bürgerinitiativen und Vereine auf dem Datzeberg, im Reitbahnviertel und in der Südstadt für die diesjährigen Feste und ihr Engagement für unsere Stadt.

Das Ende meiner Reise führte mich nach Berlin. Mittlerweile gibt es in der Bundeshauptstadt auch ein Ministerium, das für die Heimat zuständig ist. Die Aufgabe dieses Ressorts hat sich mir noch nicht vollends erschlossen. „Heimatschutz“ ist nicht nur ein sperriges Wort, ich finde es weckt auch falsche Assoziationen. Es abstrahiert und macht uns zu Unbeteiligten. Der wichtigste Teil der Heimat sind nämlich wir alle. Wir bestimmen, wie unser Zuhause, wie unsere Stadt aussieht. Wenn sich die oft zitierte Stimmung in unserem Land verändern soll, dann müssen vor allem wir uns ändern. Wir dürfen es nicht zulassen, dass Verantwortung vom einzelnen Menschen wegdelegiert wird. Wir alle sind aktiver Teil der Gesellschaft. Unsere Gemeinschaft braucht mehr Akteure und weniger Kommentatoren. Eine Vollversorgungs- und Vollkaskomentalität darf sich nicht breitmachen. Ein kritischer politischer Diskurs, Leistungsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein haben unser Land stark gemacht. Hans Peter Bull, der ehemalige Innenminister Schleswig-Holsteins, bringt es aus meiner Sicht auf den Punkt, wenn er sagt, dass wir alle „…zu Kompromissen, zur Selbstkorrektur, zu Anstrengungen und letztlich auch zu Opfern an Lebensqualität … bereit sein“ sollten.

Lassen Sie uns daher weiterhin gemeinsam gestalten. Das große Wunder der Deutschen Einheit mit all den Freiheiten, die es gebracht hat, darf nicht dadurch in Vergessenheit geraten, dass wir uns in Passivität verlieren und die Hände in den Schoß legen. Unsere Demokratie braucht uns derzeit noch stärker als in den zurückliegenden 28 Jahren. Öffnen Sie die Augen und Herzen und ich denke, wir werden erkennen, dass die Zugreise längst nicht zu Ende ist: Europa liegt vor allem vor uns!

Bleiben Sie heimatverbunden und gestalten Sie unsere schöne Stadt Neubrandenburg auch weiterhin aktiv mit.

Herzlichen Dank.

Neubrandenburg - 02.10.2018
Quelle: Pressestelle Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg am Tollensesee